Heißer Herbst: Zusammenhalten, wenn die Preise steigen
12. Jun. 2026
Beim Mitgliederabend „Heißer Herbst" haben wir gemeinsam diskutiert, wie wir als Ouvertura auf die absehbare Preissteigerung bei Lebensmitteln reagieren können — und wie unser solidarisches Modell dabei leisten kann, was der Markt nicht kann.
Die Lage: Weltpolitik trifft den Einkaufskorb
Wir haben den Abend mit einer nüchternen Lageanalyse begonnen. Zwei wesentliche geopolitische Entwicklungen werden in den kommenden Monaten vermutlich spürbare Folgen für die Lebensmittelpreise haben.
Der anhaltende Krieg in der Ukraine hat den Import von Kunstdünger aus Russland und Weißrussland weitgehend zum Erliegen gebracht. Verschärft wird die Lage durch den Konflikt im Iran: Die Sperrung der Straße von Hormuz betrifft nicht nur Erdöl und Erdgas, sondern auch Düngemittel, die aus fossilen Brennstoffen hergestellt werden. Die Konsequenz ist bereits messbar — Düngemittelpreise sind aktuell bereits um 25 bis 35 Prozent gestiegen.
Das ist deshalb so bedeutsam, weil Dünger bei konventionell angebauten Feldfrüchten 15 bis 30 Prozent der Produktionskosten ausmacht — bei Mais sogar bis zur Hälfte. Wenn diese Kosten auf die Verarbeitungs- und Transportkette treffen, die ebenfalls unter steigenden Treibstoffpreisen leidet, wird der Effekt auf die Supermarktpreise erheblich sein.
Die österreichische Inflation lag im Mai nach erster Schätzung bereits wieder bei 3,7 Prozent. Wir rechnen damit, dass spätestens mit der Ernte der Sommer- und Herbstkulturen — also genau jener Früchte, für deren Anbau bereits teurerer Dünger bezahlt wurde — eine deutliche Welle bei den Lebensmittelpreisen folgen wird. Wir hoffen sehr, dass wir uns irren. Aber die Signale sprechen eine andere Sprache.
Unsere Antwort: Mehr Menge, mehr Vielfalt, mehr Eigenständigkeit
Wir sind als Solidarische Landwirtschaft strukturell anders aufgestellt als ein konventioneller Betrieb. Wir verwenden keine externen Kunstdünger, haben keine starke Abhängigkeit von Agrardiesel und sind Marktpreisschwankungen nicht direkt ausgesetzt. Dennoch sind wir in ein größeres System eingebettet und nicht immun gegen die Krise — aber wir haben Handlungsspielraum, den wir nun proaktiv nutzen.
Unsere Getreide-Kooperation
Ein wesentlicher Teil unserer Versorgung mit Feldfrüchten basiert auf unserer Kooperation mit zwei Biobauern am Stadtrand von Wien. Das Prinzip ist konsequent solidarökonomisch: Wir erhalten vollständige Einsicht in die Produktionskosten und übernehmen diese Kosten für vorab vereinbarte Feldfrüchte und Flächen, unabhängig davon, wie die Ernte ausfällt. In guten Jahren bekommen wir mehr, in schlechten weniger. Das Risiko liegt bei uns als Gemeinschaft, nicht bei den Bauern.
Über diese Kooperation beziehen wir den Großteil unserer Feldfrüchte: Hafer, Hirse, Kichererbsen, Linsen, Hartweizen und Weichweizen. Die Weiterverarbeitung zu Mehl, Nudeln und Flocken machen wir bei Ouvertura selbst.
Als Reaktion auf die erwartete Inflation haben wir die für uns von unseren PartnerInnen bearbeiteten Flächen für die laufende Saison bereits erhöht — insbesondere bei Durum (für Nudeln) und Linsen, die sich gut lagern lassen. Sollte der befürchtete Preisanstieg ausbleiben und unsere Bedürfnisse nach Ouvertura Lebensmitteln in Folge nicht deutlich steigen, sind die Produkte einfach für die nächste Saison vorhanden.
Wir ziehen also Kosten vor, um im Herbst mehr Lebensmittel für uns alle zur Verfügung zu haben falls wir einen größeren Teil unserer Bedürfnisse mit Ouvertura abdecken wollen und / oder müssen.
Eigene Ackerflächen stärker nutzen
Ein weiterer Schritt ist die intensivere Nutzung unserer eigenen Anbauflächen, die bisher teilweise brach lagen. Wir haben Versuchsäcker für Kartoffeln und Polentamais angelegt — Kulturen, die unsere PartnerInnen aus strukturellen Gründen nicht anbauen. Auch Buchweizen steht auf dieser Liste. Uns ist dabei wichtig zu sagen: Das sind Versuche, es wird Rückschläge geben. Aber auch das Ausprobieren gehört zu unserer Resilienzstrategie.
Brot und Energie
Wir überlegen außerdem den Einstieg in eine eigene Brotproduktion — ein bedeutender Schritt, der aber auch unseren Energieverbrauch erhöht. Um dem entgegenzuwirken arbeitet ein engagiertes Mitglied bereits an mobilen Solarpanelen nach dem Balkonkraftwerk-Prinzip: Alles, was wir an Strom produzieren, fließt direkt in den Betrieb, ohne Einspeisung ins Netz. Ein erster Prototyp hat gezeigt, dass wir damit die Kühlzelle und einen Großteil der Tiefkühler tagsüber vollständig versorgen können — mit einem kleinen Überschuss. Da wir Brot und Eingemachtes ohnehin tagsüber produzieren, passt das zeitlich ideal. Auch in unserer Stromrechnung sehen wir bereits den Unterschied - und das ist erst der Anfang.
Das eigentliche Thema: Gemeinsam statt vereinzelt
Der vielleicht wichtigste Punkt des Abends war kein logistischer, sondern ein gesellschaftlicher. Die zentrale Frage lautet für uns nicht: „Wie schützt sich Ouvertura?" — sondern: „Wie reagieren wir gemeinsam?"
Krisensituationen tendieren dazu, Menschen zu vereinzeln und in ein „jeder gegen jeden" zu treiben. Unser solidarisches Modell will genau das verhindern. Dabei möchten wir darauf hinweisen, dass ein erheblicher Teil unserer Produktion bereits jetzt von Mitgliedern geleistet wird — etwa die Nudelproduktion, die nicht vom angestellten Team, sondern von engagierten HofteilerInnen gemacht wird. Spontan hat sich zuletzt auch eine Fermentiergruppe gebildet, die mit Rüben, Kraut und Kimchi experimentiert.
Unser Solidar:Raum — unser gemeinsamer Arbeits-, Versammlungs- und Abholort — ist dabei noch eine zu wenig genutzte Ressource. Er steht allen Mitgliedern zur Verfügung und kann ein Ort werden, an dem wir Fähigkeiten, Wissen und Arbeit miteinander teilen. Gerade dieses Bewusstsein und in Folge die Nutzung wollen wir in den nächsten Monaten gemeinsam ausbauen.
Ausblick
Der „Heiße Herbst" war also kein Krisengipfel, sondern eine Einladung zur gemeinsamen Reflexion. Wir sehen Ouvertura — trotz oder gerade wegen der externen Turbulenzen — besser aufgestellt als je zuvor: mit stabilen Kooperationen, wachsenden Eigenanbauflächen, ersten Schritten in Richtung Energieautarkie und einer Community, die sich zunehmend aktiv einbringt.
Um Gedanken wie die an diesem Abend besprochenen gemeinsam zu vertiefen werden wir im Laufe des Sommers weitere Diskussionsabende rund um Solidarökonomie und Commons im Solidarraum veranstalten.
Die Termine werden der 6. Juli, der 3. August und der 10. August sein (bei entsprechenden Interesse werden wir die Termine im Herbst wiederholen) - wir freuen uns jedenfalls schon auf ein Wiedersehen!